Wer zum Glauben einlädt … (Teil 2)

… muss ein Lernernder werden! Wie erst im Spannungsfeld verschiedener Pole
Glaube an Tiefe gewinnt.


Dieser Artikel ist der zweite Teil einer zweiteiligen Beitragsreihe. Den vorhergehenden Teil finden Sie hier.

Mit dem Herzen verstehen lernen

In meinem ersten Beitrag ging es darum, die theologische Herausforderung für Mission in unserem Kontext zu verstehen. Während an ihren Formen seit Jahrzehnten gefeilt wird, bleibt die Botschaft doch vielerorts stumpf. Immer noch ist die überwiegende Mehrzahl der Predigten geprägt von einem Insider-Denken, dem die Verknüpfung des Evangeliums mit der real-existierenden Lebenswelt der Menschen bestenfalls oberflächlich gelingt. Doch gerade bei denen, die schon ›dazu gehören‹, führt eine solche Art der Verkündigung in Gottesdiensten, Andachten, Gesprächskreisen etc. zum Verdrängen eigener wichtiger Fragen, zu einer Abspaltung der Lebenswelten und nicht selten irgendwann auch zum Verlust des Glaubens. Deshalb muss ganz neu die Kunst einer dialogischen Theologie entwickelt und geübt werden. Sie nimmt die Anfragen der Gegenüber ernst und beantwortet sie in einer für sie verständlichen Weise. Dabei darf das Dialogische nicht nur eine Methode sein, ­sondern muss von Herzen angenommen werden. Es geht um Begegnungen auf Augenhöhe und um die Bereitschaft, vom Gesprächspartner ­wirklich zu lernen: »Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich darin die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe«, so formulierte es der Theologe Klaus Hemmerle.

Bereichernder Perspektivwechsel – was Jesus wirklich meinte

Aus unzähligen Gesprächen weiß ich, dass ich von fast jedem Menschen etwas lernen kann; lernen nicht nur über den anderen, sondern auch für mich selbst und meinen Zugang zum Leben und Glauben.

Ein Beispiel: In der Berliner Stadtmission haben wir mehrere Übergangshäuser, um frühere Obdachlose wieder zu integrieren. In einem davon biete ich wöchentlich ein Gesprächsfrühstück an, in dem ich mit den etwa 12 Teilnehmern – überwiegend Männern – jeweils über ein Lebens- und Glaubensthema rede. Neulich kamen wir auf das Sorgen zu sprechen. Zu meiner Überraschung erzählten einige: „Als wir auf der Straße oder im Wald lebten, haben wir uns keine Sorgen gemacht. Etwas zu Essen bekommt man immer irgendwie. Und seine paar Sachen nimmt man nachts mit in den Schlafsack. Die Millionäre tun uns leid! Die müssen sich Sorgen machen, wenn von ihrer Million ein Euro verloren geht.“ Mir wurde schlagartig klar, wie sich durch die Perspektive der Wohnungslosigkeit das Jesuswort ändert: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Last hat.« (Matthäus. 6,34) Jesus hat genau diese Gedanken in den drei Jahren formuliert, in denen er selbst wohnungslos war.

Ich bin der zum Glauben Einladende und der Eingeladene zugleich.

Als ich den Bewohnern des Übergangshauses davon erzählte, waren sie ihrerseits überrascht. Ich lernte also vom ›Bruder von der Landstraße‹ diese Botschaft Jesu überhaupt erst zu verstehen: »Macht euch bewusst, wie gering euer Einfluss auf Entwicklungen in der Zukunft ist. Konzentriert euch auf das, was heute dran ist. Und lasst die vielen Dinge los, die euer Leben so überfrachten. Lasst vor allem äußere Dinge los. Vertraut euch Gott an.« Ein solches gemeinsames Verständnis zu formulieren und festzuhalten, ist am Gesprächsende meine Aufgabe. Dabei bin ich der zum Glauben Einladende und der Eingeladene zugleich! So wird im Dialog mit den ehemals Wohnungslosen die Bedeutung Jesu für unser Leben verständlich und relevant bezeugt, ohne jemandem irgendetwas überzustülpen.

Nur in einer lernenden Haltung vom Glauben reden

Möchten Sie von irgendjemandem missioniert werden? Möchten Sie sich Erklärungen zu einem Thema anhören müssen, das sie überhaupt nicht interessiert? Wollen Sie zu etwas bekehrt werden, von dem Sie nicht überzeugt sind, oder von außen belehrt werden, ohne dass der andere Ihre Situation richtig kennt und ernst nimmt? Doch wie oft treten Christen als ›Besserwessis‹ auf. Umgekehrt: Wenn wir jemanden kennenlernen, der sich erkennbar für unsere Lebenswelt interessiert und uns auf interessante, hilfreiche Gedanken bringt, werden wir dafür in der Regel durchaus offen sein.

Diese Haltung des Lernenden sollte alle Situationen und Formen von christlichem Zeugnis, von Verkündigung und Evangelisation prägen. Das ist nicht ›modernistisch weichgespült‹, sondern entspricht zutiefst der Einstellung Jesu, wie sie uns in den Evangelien übermittelt wird: »Was willst du, dass ich dir tun soll?« Zwei Linien möchte ich nun nachzeichnen, wie das Lernen von den Einsichten und Fragen Anderer die Theologie und Verkündigung insgesamt verändert und ­bereichert.

Orientierung – ohne eindimensionale Antworten

Unsere Welt ist kompliziert geworden: Alles hängt irgendwie zusammen, aber niemand scheint mehr zu wissen wie. Unser Leben wird immer komplizierter: Schier unübersehbare Wahlmöglichkeiten zwingen uns, permanent Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen wir nicht wirklich abschätzen können. Daraus entsteht ein Doppeltes: Einerseits ein großes Verlangen nach klaren Einteilungen: Drinnen und Draußen, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Wir und Ihr; kurz: nach einem Schutzraum gegen die Komplexität.

Auf der anderen Seite ist das Misstrauen gegenüber allzu einfachen Antworten und gegenüber Ideologien und Institutionen groß, weil sich diese entweder schnell als hohl erweisen oder in aggressiven Fundamentalismus umkippen. So taumelt unsere Gesellschaft zwischen Angst vor Heimatverlust und Angst vor Freiheitsverlust, zwischen Orientierungsbedürfnis und Individualitätsstreben hin und her.

In diesem Spannungsfeld stehen auch die Fragen an Kirche und Glauben: Die Institution mit ihren Antworten wird abgelehnt. Gleichzeitig werden von den Christen einfache bzw. eindimensionale Antworten gefordert.

In der Frage ›Wenn es einen Gott gibt, wie kann er so etwas zulassen?‹ sind interessanterweise sogar beide Positionen vereint: Die implizite Ablehnung einer vorgegebenen Lehre und zugleich der Wunsch nach einer eindimensionalen Erklärung. Gehen wir aber der Frage auf den Grund, stoßen wir – sofern sie ernstgemeint ist – auf ein Leiden an der Zerrissenheit und Ungerechtigkeit der Welt und dem Wunsch, damit klarzukommen. Und wir müssen feststellen – ehrlicherweise auch bei uns selbst – dass weder die Rede von einem allmächtigen, alles bewirkenden Gott, noch die Erklärung dass allein die Menschen an allem Schuld seien, wirklich hilfreich ist. Die eine Antwort verneint die Liebe Gottes. Die andere setzt den autonomen Menschen auf den Thron. Die Wahrheit liegt aber auch nicht in Form eines ›sowohl-als-auch‹-Kompromisses in der Mitte. Wenn wir die Komplexität des Lebens nicht ausblenden und die Bibel als Ganzes ernst nehmen, kommen wir zu einem anderen Umgang mit solchen Fragen. In der Bibel gibt es nämlich – Gott sei Dank – unzählige Widersprüche, die die Widersprüche des ›echten Lebens‹ ­spiegeln.

Antworten auf Lebensfragen zu finden bedeutet Wege zwischen den Polen zu suchen

Ein Beispiel: »Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist es, der in euch beides vollbringt, das Wollen und das Vollbringen.« (Philipper 2,12b+13)

Dieser Widerspruch lässt sich nicht in einer statischen Gleichung auflösen, sondern nur in einer ›dialektischen‹ Bewegung. ›Dialektik‹ bezeichnet eine Denkweise, in der man sich bei Widersprüchen oder Gegensätzen zwischen den Polen hin und her bewegt und sie aufeinander bezieht, statt das eine gegen das andere auszuspielen, um eine eindimensionale Antwort zu erhalten. Angewendet auf Philipper 2 bedeutet das:

Wir sind aufgefordert, wirklich alles dranzusetzen, um selig zu werden, also im Einklang mit Gott zu leben. Wir sind verantwortlich! Doch sind wir an diesem Pol angekommen, besteht die große Gefahr der Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung. Dem wären wir schutzlos ausgeliefert, gäbe es da nicht den anderen Pol. ›Denn Gott ist es…‹ Also bewegen wir uns darauf zu, lernen loszulassen, uns ihm anzuvertrauen, ihn wirken zu lassen. Sind wir dort wiederum gut angekommen, droht unserem Leben Bequemlichkeit, Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit. Also wieder zurück! Jede Einseitigkeit, jedes geschlossene System führt in die Irre. Auf der anderen Seite ist aber nicht alles beliebig!

Auf die Komplexität des Lebens mit der Bibel Antworten zu finden, bedeutet nicht Positionen zu vertreten, sondern Wege zwischen den verschiedenen Polen zu suchen. Nur so verstehen wir, wie die Gegensätze und Widersprüche lebendig aufeinander bezogen sind. Die Bibel ist zutiefst durchdrungen von diesen dialektischen Bewegungen. Wenn es uns gelingt, in der Verkündigung Menschen auf solche Wege mitzunehmen, werden ihnen Horizonte aufgehen – über die Bibel und über ihr eigenes Leben. So erhält unser Leben eine Orientierung, die eindimensionale Antworten niemals geben können.

Beziehungsgeschichten statt ­Wahrheitsbehauptungen

Dieser Gedanke schließt unmittelbar an den vorhergehenden an. Viele Menschen verbinden mit dem christlichen Glauben die Vorstellung, man müsse hier irgendwelche Wahrheiten für richtig zu halten. Dann ist man ganz schnell bei Themen angelangt wie etwa der Schöpfung der Welt in sieben Tagen, die wissenschaftlich nicht haltbar und damit abzulehnen sei. Dieses Missverständnis hat sich die breite Masse kirchlicher Verkündigung über Jahrhunderte hinweg selbst zuzuschreiben. Auch heute höre ich immer wieder Predigten von Laienpredigern bis zu hohen kirchlichen Würdenträgern, die vor ›Richtigkeiten‹ nur so strotzen, aber keine Beziehungsgeschichten erzählen. Zu Recht wenden sich Menschen davon ab – mit einem untrüglichen Gespür für die Irrelevanz solcher Kanzelreden. Zu Recht deshalb, weil die Bibel selbst überwiegend aus Geschichten besteht, die vom Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Mensch erzählen. Schon der Kern der biblischen Schöpfungsüberlieferung ist eine solche Verhältnisbeschreibung. Wahrheiten, selbst wenn wir sie anerkennen, lassen uns kalt. Geschichten dagegen bewegen uns. Und jeder einzelne Mensch sehnt sich doch danach, Teil einer größeren Geschichte zu werden.

Von Beziehungen mit Gott zu berichten heißt aber – spätestens vom Neuen Testament her – trinitarisch von Gott zu erzählen. In der Bibel findet sich bekanntlich keine Trinitäts-Lehre. Aber sie erzählt, wie ­Menschen Gott begegnen als einem lebendigen Beziehungswesen, als Ursprung und Quelle unseres Lebens: Uns zugewandt (Vater), versöhnend und zum Leben befreiend mitten in der Welt (Sohn, Jesus von Nazareth) und als Energie, die den Kosmos durchdringt und uns zugleich als Gott-in-uns verwandelt (Schöpfer Geist, Heiliger Geist). Das sind keine drei Götter, wie (nicht nur) viele Muslime meinen. Es ist der eine Gott, der auf unterschiedliche Weise zu uns in Beziehung tritt und Beziehungsräume öffnet, in denen alle Fragen der Menschen ihren Platz haben.

Was für eine ungeheuer spannende Aufgabe, mit den Fragen der Menschen auf Entdeckungsreise in der Bibel zu gehen und die Vielfalt nachzuerzählen, wie Gott und Mensch sich ganz konkret begegnen! So lernen wir zu verstehen und zu zeigen, wie auch heute jeder Mensch zu einem Teil dieser beziehungsreichen Gottesgeschichte werden kann.


Dieser Artikel ist der zweite Teil einer zweiteiligen Beitragsreihe. Den vorhergehenden Teil finden Sie hier.

Zum Autor

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Pfarrer Gerold Vorländer
ist Leitender Mitarbeiter für den Schwerpunkt Mission in der Berliner Stadtmission.
berliner-stadtmission.de

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