Wer zum Glauben einlädt … (Teil 1)

… muss den Unglauben verstehen! Wie uns ein mutiger Dialog jenseits unserer Komfort-Zonen verändern kann


Dieser Artikel ist der erste Teil einer zweiteiligen Beitragsreihe. Die Fortsetzung finden Sie hier.

Mission heute: Erkenntnisse und Aufbruch

Wie kann der christliche Glaube heute so bezeugt, d.h. gelebt und verkündigt werden, dass Menschen, denen Kirche und Glaube fremd ist, Interesse bekommen?

Diese Frage erscheint mir heute zentraler und aktueller denn je. Auf den ersten Blick scheint sie wenig spektakulär, doch bei näherem Hinsehen erkenne ich große Herausforderungen, auf die wir in unseren Kirchen und Gemeinden offenbar noch kaum vorbereitet sind.

Dabei wurde in den zurück liegenden Jahren so viel Energie, Sorgfalt und Kreativität auf die missionarischen Herausforderungen in Mitteleuropa investiert: Studien über Kirchenmitgliedschaften, die es im angelsächsischen Raum übrigens schon seit langem gibt, erfassen nun auch im deutschen Kontext die Positionierung der Evangelischen Kirche und ihres Umfeldes. Kirchliche ›Impulspapiere‹ machen den umstrittenen Missionsbegriff auch für die Landeskirchen wieder ›hoffähig‹. Zahlreiche Kongresse und Seminare, aber auch Fortbildungen für Leiter oder  Maßnahmen zur Entwicklung von Visionen und Leitbildern beschäftigten sich mit dem Thema Mission. All das hat zweifelsohne auch die Kompetenzen von beruflichen sowie ehrenamtlichen Mitarbeiter geprägt und gefördert.

Denkstrukturen, Fragen und Einstellungen sollen von uns in der Tiefe ernst genommen werden.

So kommen Menschen und Strukturen in Kirchen und Gemeinden in Bewegung, hier und da beobachten wir erfreuliche Aufbrüche und Veränderungen. Manches kreative, kraftvolle Missionsmodell zeigt Wirkung – Nachahmer sind willkommen! An vielen Orten haben Menschen, die mit dem Glauben bislang wenig anzufangen wussten, durch ganz praktische Handreichungen die Gemeinde als Ort erlebt, an dem Christsein konkret wirkt.

Der Prozess stockt: Missionarische Impulse ohne Breitenwirkung

Was fehlt also? Ich werde trotz aller Mut machenden und inspirierenden Beispiele den Eindruck nicht los, dass der Prozess eines ›Wachsens gegen den Trend‹ an vielen Stellen gehemmt ist. Ein wichtiger Grund dafür dürfte sein, dass viele innovative Ideen und Wege zu den Menschen, die auch beim diesjährigen Willow Creek Leitungskongress in Leipzig wieder vorgestellt wurden, noch nicht ›an der Basis‹ und damit in der Breite angekommen sind. Auch die besten Praxismodelle werden immer nur in dem Maß wirken, in dem sie tatsächlich umgesetzt werden. Ein positives Gefühl der Ermutigung während und kurz nach einem Kongress reicht sicher nicht aus. Immerhin arbeitet beispielsweise Willow Creek Deutschland inzwischen an einer nachhaltigen und vor allem alltagstauglichen Verankerung von Kongress-Impulsen.

Ich stelle mir dennoch die Frage, ob das Spektrum der Verantwortlichen und der erreichten Menschen nicht immer noch viel zu schmal ist. Die meisten Angebote sind auf sehr kleine Bevölkerungssegmente ausgerichtet, in denen man ein gewisses ›Bekehrbarkeit-Potenzial‹ vermutet – also ›gemeindeverwandte‹ Lebensformen, die eine gewisse Vertrautheit zur eigenen und bekannten Situation aufweisen. Dort stehen folglich das Gemeinschaftserlebnis, religiöse Erfahrungen, die Arbeit für Familien und – inzwischen auch im missionarischen Bereich vermehrt – diakonische Hilfsangebote für Bedürftige im Fokus.

Die Herausforderung: Vertraute Wege verlassen

Missverstehen Sie mich nicht: Das alles ist ausgesprochen wichtig und entspricht dem Evangelium von Jesus Christus. Doch aus der Perspektive der Berliner Stadtmission rücken noch andere dringliche und herausfordernde Themen ins Blickfeld:

Wie machen wir das Evangelium für Menschen interessant,

  • die ein höchst flexibles Lebenskonzept haben (weil sie keine Familien haben und auch nicht auf der Suche nach einer ›Heimat‹ sind)
  • die Sinn suchend sind, auch wenn das Ziel ihrer Suche nicht zwingend eine Gemeinschaft oder eine ›Heimat‹ ist
  • die zur ›neuen Bohème‹ gehören, also spontan, experimentell, künstlerisch sind und die international und global eingestellt sind (in Berlin ist das ein rasant steigender Anteil der Bevölkerung)
  • die mit ihren intellektuell-atheistischen Überzeugungen ernst genommen sein wollen (konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit dem neuen Atheismus)
  • die sich sozial engagieren wollen und gleichzeitig ›das Christentum‹ skeptisch beurteilen, wobei sie vielfach Jesus Christus nicht oder kaum kennen.

Daraus ergibt sich die Frage für viele bestehende, durchaus lebendige Gemeinden, ob sie sich dieser Herausforderung stellen wollen: Möchten sie ihre Komfort-Zonen verlassen, um in diesem engeren Sinne missionarisch tätig zu werden? Das geht weit über die Frage der Methodik und des Milieu-Zugangs hinaus. Es kann nicht allein darum gehen, ein paar weitere Kommunikations- oder Ansprache-Wege zu entwickeln, um auch diesen Menschen unsere Botschaft nahe zu bringen!

Ein neuer Anspruch: Den Menschen individuelle, relevante Antworten liefern

Im Kern offenbart sich in der aktuellen Situation eine theologische Herausforderung. Sie wird nach meiner Einschätzung in der Breite noch kaum wahrgenommen, bestenfalls im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung unterschiedlicher Glaubenskurse mit ihren spezifischen Fragestellungen für Kirchenfremde. Die schwierige Situation der Kirche einschließlich ihrer missionarischen Bemühungen spiegelt sich heute in ihren nach außen kommunizierten Theologien, die kaum in der Lage sind, den Menschen verständliche und vor allem relevante Antworten zu geben.

Derzeit liegt bei den meisten Überlegungen zum missionarischen Auftrag der Schwerpunkt auf der Kybernetik (also der Lehre von Gemeindeaufbau und Organisationsentwicklung). Aber wie steht es mit der Weiterentwicklung der Homiletik und der Systematik, also der Predigt- und Glaubenslehre?

Wir sollten uns ernsthaft und gründlich mit den Fragen, Vorurteilen und Urteilen der Kirchenkritischen befassen, und genauso mit der Ahnungslosigkeit derer, die in einem atheistischen Umfeld aufgewachsen sind. An vielen Orten erlebe ich die kirchliche Unfähigkeit, diese Phänomene wahr zu nehmen, ernst zu nehmen – und glaubwürdige Antworten zu finden.

Apologetik: Definitionen im Wandel der Zeit

Neue Formen der Zuwendung zu Bedürftigen (Diakonie) und Räume der Begegnung (Gemeinde) können aus theologischer Sicht die Verkündigung des Evangeliums nicht ersetzen, sondern bestenfalls flankieren und vorbereiten. Im Aufsatzband ›Das missionarische Mandat der Diakonie‹ erinnert Ulrich Laepple daran, dass schon Gerhard Füllkrug im Anschluss an Wichern 1916 die »Apologetik« als »Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Gegenwart« gefordert hat.(1)  Apologetik ist demnach die »Notwendigkeit, eigene Überzeugungen, Handlungsweisen usw. gegenüber anderen […] zu plausibilisieren«.(2)

Allerdings ist dieser Begriff ähnlich dem des ›Missionarischen‹ in Misskredit gekommen, denn er hat den Beigeschmack des Eifernden: In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die missionarische Apologetik als eine Aufgabe verstanden, um »die Absolutheit und Einzigartigkeit des Christentums unter den ›niederen‹ und ›höheren‹ Religionen zu rechtfertigen und zu verteidigen«. Daraus wurde unter der Hand eine »missionarische Polemik«.(3)

Es geht um tragfähige Antworten, die den komplexen Fragen der Menschen von heute inhaltlich standhalten!

Mit Polemik aber lässt sich keiner gewinnen. In klarer Abgrenzung dagegen muss man deshalb  heute Apologetik verstehen als: Kunst einer dialogischen Theologie, die die Anfragen der Gegenüber ernst nimmt und in einer ihnen verstehbaren Weise zu beantworten versucht. ›Verstehbare Weise‹ meint weit mehr als die reine Sprachform und das verwendete Vokabular: Denkstrukturen, Fragen und Einstellungen sollen von uns in der Tiefe ernst genommen werden. Die Verkündigung muss sozusagen in die ›Denke‹, die uns begegnet, inkarnieren. Gleichzeitig verwickelt sich die Apologetik nicht in defensive Rückzugsgefechte, sondern sucht im direkten Gespräch offensiv die Berührungspunkte und Schnittpunkte – aber auch die relevanten Unterschiede die zur Klärung anstehen.  Eine so verstandene dialogische Apologetik ist an verständlicher Erklärung und gründlichem Verständnis interessiert, niemals an Überredung! Weil Jesus selbst den Menschen in seinem Umfeld auf diese Weise begegnet ist, ist richtig verstandene Apologetik praktizierte Nachfolge!

Breite kirchliche Praxis: Überreden statt Zuhören

Davon scheinen wir noch meilenweit entfernt. Gerade in missionarisch ausgerichteten Gemeinden begegne ich immer wieder einer Verkündigungsform, die durch die Sprache und die dahinter liegenden Denkweisen noch immer mit überalterten Mustern und Methoden zu überreden versucht. Folglich werden wichtige Lebens- und Glaubensfragen kaum gründlich geklärt, und die Relevanz des Evangeliums wird dem Fragenden nicht plausibel gemacht.

Offensichtliche Fortschritte in der Gemeindeentwicklung täuschen mancherorts darüber hinweg, dass die Theologie in ihrer apologetischen Ausprägung sehr schwach entwickelt ist. Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als um tragfähige Antworten, die den komplexen Fragen der Menschen von heute inhaltlich standhalten! Nur wer bereit ist vom Gegenüber auch zu lernen, wird ihm diese Antworten auch liefern können.

Hubertus Schönemann von der ›Katholischen Arbeitsstelle missionarisches Pastoral‹ in Erfurt zitierte bei der diesjährigen Tagung  des ›Runden Tisches Evangelisation‹ in Berlin einen herausfordernden Satz des katholischen Theologen Klaus Hemmerle. Er bringt den theologischen Anspruch und gleichzeitig die Verlegenheit, gerade im missionarischen Bereich, präzise auf den Punkt:

»Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich darin die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.«

Lernen vom Zweifler ist kein Verrat am Evangelium!

Wir sollen also vom Zweifler, von der Kritikerin, vom Distanzierten, von der Nichtchristin, von Menschen anderer Religionszugehörigkeit hinzu lernen, um die richtige Methode und Ausdrucksform zu treffen und um aus dieser Begegnung »die Botschaft neu zu lernen«? Die Frage liegt auf der Hand: Verlieren wir dann nicht das Evangelium und passen es dem Zeitgeist und dem jeweiligen Gegenüber an?

Das führt uns zu einer Bekenntnisfrage einer ganz eigenen Art: Suchen wir uns jene vergleichsweise einfachen Wege, auf denen auch das missionarische Engagement letztlich nur unser bisheriges Denken bestätigt und stabilisiert? Oder folgen wir im Vertrauen auf den Heiligen Geist solchen Pfaden, die Jesus vor uns beschritten hat: »…der es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern sich entäußerte … und den Menschen gleich wurde« (Philipper 2,6f.): Verwechselbar, missverständlich, machtlos, aber erfüllt von der Liebe zu den Menschen.

Nicht ernst genommen: Junge Erwachsene kehren Kirchen den Rücken

Zum Schluss noch ein Verweis auf die neue Studie des Marburger instituts empirica unter dem Titel: »Warum ich nicht mehr glaube. Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren.«(4) Sie wirft ein helles Licht auf die große theologische Verlegenheit, über die ich geschrieben habe, und auf die Aufgaben die vor uns liegen. Bei fast allen der befragten jungen Erwachsenen hingen die Gründe für ihren Rückzug vom Glauben nämlich auch damit zusammen, dass ihre Fragen von den Gemeinden entweder nicht ernst genommen oder nur sehr unzureichend beantwortet worden waren.

Da ähnliche Forschungsansätze etwa in den USA zu völlig anderen Ergebnissen kommen, müssen wir in Mittel- und Westeuropa unsere eigenen, nicht aus anderen Kulturkreisen übertragbaren übernommenen missionarisch-theologischen ›Hausaufgaben‹ machen. Und diese Hausaufgaben stehen für mich unter der Überschrift: »Wer zum Glauben einlädt, muss was vom Unglauben verstehen«.

Apologetik mitten im Leben – Erfahrungen aus der Praxis im nächsten Beitrag

Sind Sie neugierig geworden, wie eine solche dialogische Apologetik zu klärenden und ernstzunehmenden Antworten führen kann? Und wie oft vernachlässigte theologische Erkenntnisse durch lernende Gespräche und Begegnungen plötzlich aus der akademischen Mottenkammer mitten ins Leben rücken und ausgesprochen hilfreich werden?  In der nächsten Ausgabe des Willow Creek Magazins möchte ich Ihnen das anhand einiger Dialog-Themen mit konkreten Praxis-Erfahrungen näherbringen.


Dieser Artikel ist der erste Teil einer zweiteiligen Beitragsreihe. Die Fortsetzung finden Sie hier.

Zum Autor

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Pfarrer Gerold Vorländer
ist Leitender Mitarbeiter für den Schwerpunkt Mission in der Berliner Stadtmission.
berliner-stadtmission.de

Fußnoten:
(1)
Hrsg: Michael Herbst / Ulrich Laepple, Neukirchen-Vluyn 2009, S.45
(2) RGG4, 1. Band, S.611
(3) RGG4, 1. Band, S.628
(4) Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkeler, R.Brockhaus 2014
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