Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren

Eine Studie fragte nach persönlichen Hintergründen und Motiven

Was treibt eigentlich diejenigen um, die nicht nur in keine Gemeinde mehr gehen, sondern ganz aufgehört haben zu glauben? Im ›Institut empirica‹ hatten wir bei engen Freunden und Wegbegleitern miterlebt, dass ihnen der Glaube, den sie einst leidenschaftlich gelebt hatten, auf stille und von außen oft nicht nachvollziehbare Weise abhanden gekommen war. Aber wir wussten nur wenig über ihre Motive und Hintergründe. Wir beschlossen darum, uns intensiver damit zu beschäftigen.

Dabei war uns wichtig, Menschen mit ihren Geschichten ernst zu nehmen und zuerst einmal verstehend zuzuhören, bevor wir zu eigenen Schlüssen kamen. Die Folge: Wir haben uns für eine Untersuchung entschieden mit biografischen Interviews im Zentrum. Uns interessierte der einzelne Mensch, seine Geschichte mit seinem Glauben an Gott und der Verlust dieses Glaubens. Was erhoffen sie sich, wenn sie sich von Gott und ihrem Glauben abwenden? Wer begleitet sie dabei? Was sagen ihre Familien und Freunde? Wie reagieren ihre Kirchen und Gemeinden?

Sie sagen: Gott und Glaube macht frei. Aber gleichzeitig stellen sie so viele Regeln und Gesetze auf. (Claudia)

Jeder persönliche Glaube ist eingebettet in die eigene Biografie und wird von unterschiedlichen Aspekten beeinflusst. Die Umstände, unter denen man aufwächst und lebt, prägen dabei in einem hohen Maße. Wie wir glauben, was wir glauben und warum wir glauben, hängt elementar mit unserer Herkunftsfamilie, unserer Kirche und unserem Umfeld zusammen. Man kann einen Glaubensverlust nicht verstehen, ohne den Glauben zu betrachten, der verloren ging. Und man kann den Glauben nur verstehen, wenn man genauer in die genannten Bereiche schaut.

Die bisherige ›Entkehrungsforschung‹ erarbeitete fünf Kriterien, die Bestandteil des ›Dekonversion‹ Prozesses sind:

  1. Infragestellung von Wahrheitsaussagen oder -systemen. Dazu zählt auch der intellektuelle Zweifel an Inhalten des Glaubens. Ein bedeutsamer Aspekt bei vielen Dekonversionen.
  2. Kritik an der religiösen Gruppe und deren Lebensstil. Sie spielte in sehr vielen Dekonversions-Prozessen eine Rolle. Dies zeigte sich am Leitmotiv Moral, an den vielen Berichten über negative Erfahrungen mit Kirche und Gemeinde sowie an der Enttäuschung von und Verletzung durch andere Christen.
  3. Emotionales Leiden. Wo dieses Leiden deutlich vorkam, hatte es sehr unterschiedliche Ausmaße. Obwohl eine Entkehrung ein Umlernprozess ist, der die ganze Identität bzw. Persönlichkeit des Menschen umfasst und somit ein riskanter und oft auch leidensvoller Prozess ist, wird sie nicht immer als Krise erlebt. Deutlich wurde, dass das größte emotionale Leiden nicht durch eine etwaige Sinnleere verursacht wurde, sondern durch massive Verschiebungen und Brüche ehemals stabiler Bindungen. Eine besondere Herausforderung ist hier die Belastung von Beziehungen zu Angehörigen und engen Freunden. Diese sind für einen Menschen von existenzieller Bedeutung. Störungen oder Abbrüche verursachen daher fast immer starkes (soziales) Leiden.
  4. Austritt aus der religiösen Gruppe. Dies ist kein Aspekt des Glaubensverlustes, der in allen Fällen auftritt.
  5. Verlust spezieller religiöser Erfahrungen. Im Vergleich mit anderen Themen spielte dieser Punkt bei unseren Interview­partnern die geringste Rolle. Selbst dort, wo es in der Dekonversion zentral um die persönliche Gottesbeziehung ging, kann man nicht einfach von einem Verlust religiöser Erfahrungen sprechen. Manche unserer Gesprächspartner litten gerade daran, solche Erfahrungen nie gemacht zu haben.

Auch wenn sich zeigt, dass die fünf Kriterien kein notwendiges Element einer jeden Dekonversion darstellen, beschreiben sie dennoch wichtige Aspekte, die eine zentrale Rolle spielen.

Glaube und Identität

Herauskristallisiert hat sich die tiefe Verwurzelung des Glaubens in der eigenen Identität. Sie kann einen Einfluss darauf haben, ob jemand einen starken und selbstständigen oder einen unsicheren und unmündigen Glauben entwickelt. So wie der christliche Glauben helfen kann, die eigene Identität zu stärken, kann es auch umgekehrt möglich sein, dass die in der Regel mit ihm einhergehende Gemeinschaft verletzend, verunsichernd und entmündigend wirkt.

Bei unseren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass es zwei unterschiedliche Gruppen junger Erwachsener gibt, bei denen ein direkter Zusammenhang zwischen Glaube, Identität und ihrer Dekonversion besteht. Die erste Gruppe ist aus ihrem Glauben herausgewachsen. Durch unterschiedliche Einflüsse haben sich die Betreffenden in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt, sind in ihrem Glaubensleben aber eher stehengeblieben. Äußere Anlässe für die Auseinanderentwicklung waren beispielsweise der Studien­beginn in einer neuen Stadt oder ein neuer Freundeskreis. Auf diese Weise ging der Kontakt zur alten Gemeinde verloren. Langsam entfernten sie sich so immer weiter von ihrer familiären Prägung und/oder dem Glauben ihrer Kindheit, bis sie sich schließlich bewusst ganz abgewandten, weil der Glaube für sie nicht mehr funktionierte, sie ihn nicht mehr brauchten oder er für sie schlicht keinen Sinn mehr ergab. Schleichend verloren sich auch geistliche Disziplinen wie Beten, Bibellesen etc. So wurde die christliche Vergangenheit Stück für Stück zurückgelassen, ohne dass sie wirklich vermisst wurde.

Gemeinde ist ein Verein, der so viel Liebe, Frieden und Eintracht predigt, aber ich habe so wenig Wahres davon gesehen. (Malin)

Die zweite Gruppe hat einen schwereren Weg hinter sich. Ihr Glaube und ihre persönliche Entwicklung haben sich zwar auch voneinander entfernt, dabei hat der Glaube die eigene Identitätsentwicklung aber zunehmend behindert. Das heißt, die Betreffenden haben zwar weiter nach christlichen Werten gelebt, sind in die Gemeinde gegangen etc., aber ihr Glaube löste sich immer mehr von ihrem Ich. Eine solche Spaltung kann auf Dauer nicht gut gehen.

So behindert ein ungesunder Glaube die eigene Identitätsentwicklung. Dies zeigte sich beispielsweise in dem Streben, Gott immer größer im eigenen Leben werden zu lassen und sich selbst parallel dazu immer mehr zurückzunehmen. Dieses Zurücknehmen führt zu einer regelrechten Trennung des geistlichen Lebens von der eigenen Persönlichkeit. In der Folge trauen die Betreffenden ihrem eigenen Tun immer weniger zu, da ja alles ›Gute› von Gott kommt und alles ›Schlechte‹ von ihnen selbst. Dieser Dualismus führt zu einem mangelnden Selbstwert und Problemen, sich selbst annehmen zu können.

In einigen Fällen wurde der Glaube zudem noch zur Kompensation von persönlichen Problemen. Wo beispielsweise Perfektionismus auf den Glauben übertragen wird – weil man in der Gemeinde geliebt und gelobt wird – wird der Glaube zu einer Art ›Leistungssport‹, wo man immer mehr bringen muss: mehr Bibellesen, mehr Lobpreis, mehr Evangelisation etc. Mit verheerenden Folgen, da weder Glaube noch Identität sich bei diesen Menschen gesund entwickeln konnten.

Eigene Entscheidungen treffen

Persönlichkeitsreifung und Mündigkeit im Glauben spielen gerade in der Postadoleszenzphase eine große Rolle. Dabei kann die Vermeidung von schwierigen Entwicklungsschritten durch eine einseitige Betonung des Glaubens gefördert werden. Ein Thema, das hier immer wieder zu Konflikten führte, war die Suche nach Gottes Willen und seinem Plan für das eigene Leben. Wie passen die Lebensplanung Gottes und die eigene zusammen? Wie erkennt man überhaupt den Willen Gottes? Und wer steuert diesen Prozess: man selbst oder übernimmt Gott diese Verantwortung?

Nimmt man die biblische Botschaft von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ernst, gehört das Hinführen zu solchen „eigenständigen, selbstständigen Entscheidungen“ in den Verantwortungsbereich von Kirchen und Gemeinden und sollte mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewusst thematisiert und eingeübt werden. Die Spannung zwischen der Entwicklung und Verantwortung des Einzelnen und den Bedürfnissen einer Gruppe liegt in der Natur der Sache und ist daher kaum aufzulösen; umso wichtiger ist es daher, sich mit Fragen von Begleitung und Hilfe zur Selbsthilfe auseinanderzusetzen.

Zweifeln und Verzweifeln

Christliche Moralvorstellungen haben bei mir zu einer übertriebenen Erziehung geführt, die zu einer sozialen Inkompetenz geführt hat. (Cedric)

Unsere Untersuchung hat ergeben, dass vor allem junge Erwachsene mit einem hohen Bildungsabschluss Schwierigkeiten mit dem Glauben haben. Sowohl ihre Reflektionsfähigkeit als auch die Auseinandersetzung mit ihren Studieninhalten können ihren bisherigen Glauben auf existenzielle Art hinterfragen. Dabei wurden von den Betroffenen unterschiedliche Bereiche angesprochen, besonders aber das Bibelverständnis (Wie kann und muss ich die Bibel verstehen?), das Gottesbild (Wer ist Gott angesichts des vielen Elends in dieser Welt?), die Theologie (Sind theologische Lehrmeinungen wie Schöpfung oder die Existenz einer Hölle überhaupt haltbar?), die Ethik (Was in der Bibel kann ich für meinen Glauben und meine Lebensgestaltung als hilfreich oder normativ ansehen?) und die Gemeindepraxis (Was singen und predigen wir in unseren Gemeinden, und was davon leben wir wirklich?). Die aufkommenden Fragen beschäftigen die jungen Erwachsenen, sie suchen nach plausiblen Antworten und viele von ihnen finden in ihren Kirchen und Gemeinden keine adäquaten Diskussionspartner. Zudem empfinden sie vieles in der Gemeinde zunehmend als oberflächlich.

Vielfalt des Glaubens

Wir stellten bei unserem Projekt immer wieder fest, dass unter Christen tatsächlich ein Konformitätsdruck existiert. Er kann in Strukturen versteckt sein und eine teils verheerende Wirkung entfalten. Gerade bei denen, deren Entkehrungsgeschichte vom Leitmotiv Macht und Moral bestimmt war, fiel dies besonders auf. Bei der Tendenz zur Konformität geht es nicht nur um Fragen der Lebensführung, sondern auch um den Inhalt des Glaubens und wie er praktiziert und kommuniziert wird.

Unsere Interviewpartner machten des Öfteren die Erfahrung, dass speziell in ihren Gemeinden eine gewisse Monokultur herrschte. In vielen gesellschaftlichen Bereichen wird so etwas mittlerweile als problematisch diskutiert: Aufsichtsräte und Banker, die sich nur unter Ihresgleichen bewegen; Hauptschulklassen, die sich ausschließlich aus benachteiligten Schülern zusammensetzen; Migrantinnen, die wegen fehlender Kontakte außerhalb der Familie auch nach Jahrzehnten noch nicht die Landessprache beherrschen. Doch bei christlichen Gemeinden und Kirchen wird diese Tatsache bislang wenig wahrgenommen oder in manchen Fällen sogar als Alleinstellungsmerkmal selbstbewusst vorangetrieben. Dies kann sich bis in die Art des Sprechens und Betens hineinziehen und findet sich quer durch alle Denominationen: vom salbungsvollen Pastorenstil in den Landeskirchen bis zu immer wiederkehrenden Gebetsformulierungen beim „freien“ Gebet in manchen Kreisen.

Dabei kann man fragen, ob ein Gemeindeleben mit einer größeren Vielfalt an Glaubensarten und -ausdrucksformen nicht viel eher auch den biblischen Vorbildern von Gemeindeleben und Gotteserfahrung entsprechen würde. Die Anhänger Jesu setzten sich beispielsweise aus allen Schichten zusammen, vom einfachen Fischer bis zur reichen Ehefrau; die Menschen, die das Pfingstwunder erlebten, waren zwar Juden aus aller Welt, brachten aber alle ihre eigene Sprache und ihren eigenen kulturellen Hintergrund mit; und auch die ersten Gemeinden, wie die in Korinth, waren von einer großen Diversität geprägt.

Die Menschen in den biblischen Berichten haben eine Erfahrung immer wieder gemacht: Gott begegnete ihnen. Und es scheint, dass sie dabei jeweils in ihrer ganz eigenen, ganz persönlichen Situation angesprochen wurden. Die Umstände waren so, dass sie es verstehen konnten. Dadurch wird klar, dass diese Menschen von Gott in ihrer Individualität gesehen und dabei unterstützt wurden, ihren ganz eigenen Lebensweg mit ihm zu beschreiten. Wäre es da nicht eine Selbstverständlichkeit, dass Gemeinden und Christen, die sich in ihrem Glauben und Weltbild auf diese Berichte berufen, anderen Christen zugestehen, dass auch sie ihre ganz eigene Lebens- und Glaubensbiografie haben?


Info: Auszüge entnommen aus »Warum ich nicht mehr glaube – Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren« (Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler)

 


Zu den Autoren

Prof. Dr. Tobias Faixarbeitet als Dozent für Missionswissenschaften am Marburger Bildungs- und Studienzentrum und der Universität von Südafrika. Er leitet das Institut empirica für Jugendkultur und Religion.institut-empirica.de

Prof. Dr. Tobias Faix
ist Professor für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule in Kassel und Professor an der staatlichen Universität von Südafrika.

Dr. Tobias Künkler
ist Studienleiter des Studienprogramms „Gesellschaftstransformation“ und des BA-Programms „Soziale Arbeit“ am Marburger Bildungs- und Studienzentrum. Zudem arbeitet er am Institut empirica mit.

Martin Hofmann
ist Diplom-Soziologe, er forscht an der TU Darmstadt über urbane Erinnerungskulturen. Am Institut empirica arbeitet er im Bereich Kontextanalyse mit dem Schwerpunkt qualitative Forschung.

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