Forum mit Volker Beck – „Die Rolle der Kirche in einer multireligiösen Gesellschaft“

Das Forum mit dem Bundestagsabgeordneten Volker Beck findet in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt statt. Friedrich der Große ließ sie Anfang des 18. Jahrhunderts für die Berliner Hugenotten bauen. Französische Glaubensflüchtlinge, die  ihr Land verlassen mussten und in der Mark Brandenburg Aufnahme fanden, erhielten so eine neue geistliche Heimat. Der Saal, in dem sich ungefähr 60 Leute versammelt haben, wurde nach dem französischen Pfarrer und Theologen Georges Casali benannt.  Er war Schüler der Bekennenden Kirche in Deutschland, sogenannter Judenhelfer während der Zeit des Nationalsozialismus und Zeit seines Lebens engagiert im Einsatz für die Menschenrechte. Ein durchaus passender Ort, um über die Rolle der Kirche in einer multireligiösen Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.

Geleitet wird das Gespräch von Joachim Ochel, Theologischer Referent beim Bevollmächtigten der EKD. Volker Beck ist den Zuhörerinnen und Zuhörern sehr zugewandt, antwortet offen auf persönliche Fragen und hinterlässt mit seiner sympathischen und nahbaren Art positiven Eindruck beim Publikum – so wird es aus den Rückmeldungen deutlich.  Ja, er würde sich als Christ bezeichnen, antwortet er auf die entsprechende Frage des Moderators, obwohl  er kein Mitglied einer Kirche sei. Besonders in schwierigen Situationen, zum Beispiel wenn er sich von Anderen in Frage gestellt fühle, helfe ihm der Glaube, sich selbst zurückzunehmen und sich auf Bedeutenderes zu konzentrieren als auf die eigene Person. Dann könne er Kraft sammeln, aber auch Kränkungen verdauen oder einfach abprallen lassen. Der religions- und migrationspolitische Sprecher von BÜNDNIS 90/Die Grünen habe, so sagt es Ochel, während seiner Amtszeit großes Ansehen bei den Kirchen, aber auch bei dem Zentralrat der Juden gewonnen. So war er der erste Bundestagsabgeordnete, der während seiner Amtszeit den Leo-Baeck-Preis verliehen bekam – ein Preis, der Menschen ehrt, die sich in besonderer Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt haben. „Da haben Sie sehr viel Glück und Zufriedenheit ausgestrahlt“, bemerkt Ochel, der bei der Preisverleihung anwesend war. Dass es ihm ein Herzensanliegen ist, sich für die Gleichbehandlung von Minderheiten einzusetzen, macht Beck während des Nachmittags immer wieder deutlich. Und man merkt es auch, wenn er unruhig anfängt, auf seinem Stuhl hin- und herzurutschen und der Ton seiner Stimme leidenschaftlicher wird, weil ein Thema angesprochen wird, bei dem er Ungerechtigkeit am Werk sieht und ihn das „rasend macht“.

Nach dem Religiösen in der Gesellschaft gefragt, sieht Beck zwei Tendenzen: Zum einen herrsche in Deutschland eine zunehmende Säkularisierung, zum anderen gäbe es bereits seit den 60er Jahren die Einwanderung der großen Weltreligion Islam. Das Problem sei, so Beck, dass die säkularisierten Menschen sich den Vertretern und Vertreterinnen dieser Religion gegenüber gar nicht artikulieren könnten, weil sie in dieser Hinsicht selbst nicht mehr wissen, „woher sie kommen und wo sie stehen“. Das sei ein Identitätsproblem und da sähe er die große Chance der Kirchen und ihrer Gläubigen, Antworten auf diese Fragen zu geben. „Hier sollten sich die Kirchen nicht raushalten, sondern es als Aufruf zur Einmischung verstehen und gleichzeitig prüfen, was eine kluge Einmischung ist.“ So könnten in guter Weise religiöse Themen wieder neu in die Gesellschaft eingebracht werden.

Überhaupt zeigt sich Beck als Verfechter der klaren Positionierung durch Christen und Christinnen. „Vertretern einer Kirchenleitung habe ich mal gesagt: Ihr könnt doch nicht immer nur mit Caritas und Diakonie werben. Ihr müsst auch mal mit dem werben, was Euch wirklich antreibt!“  In Bezug auf das Reformationsjubiläum wünscht Beck sich von der Kirche, dass sie mehr über Theologie spricht: „Man darf auch mal von Gott reden und von dem, was die Reformation angestoßen hat. Von einem religiösen Nebeneinander in der Gesellschaft, bei dem „alles irgendwie okay ist“, hält er nichts. „Das kann zum Verfall führen.“ Eine multireligiöse Gesellschaft verlange nach Dialog und Selbstvergewisserung darüber, was die gemeinsame Grundlage ist. „Das ist der Respekt vor der Menschenwürde oder der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wie die Christen und Juden sagen würden.“  Dafür sei jeder selbst zuständig und nicht jemand „links oder rechts oder hinter uns.“ Die Kirchengemeinde solle zur Moscheegemeinde gehen und dort mit den Menschen reden. Da könne man auch sagen, was einen stört, „intelligent und aufmerksam, aber überzeugt und offen“.

Text: Julia Grundmann, DYNAMISSIO-Presseteam
Bilder: Jonas Peschel

Weitere Fotos finden Sie unter dynamissio.de/fotostream.

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