Forum mit Dr. Bernhard Felmberg – „Fan-Gemeinde und was Kirche davon lernen kann“

An diesem Freitagnachmittag ist es ruhig rings um das Berliner Olympiastadion, nur ein paar wenige Touristen haben sich, abgesehen von der DYNAMISSIO-Gruppe, auf den großen Platz vor dem Tor verirrt. Heute in einer Woche wird das anders sein. Wenn Hertha BSC Hoffenheim empfängt, werden wieder knapp 51.000 Menschen die Ränge des Stadions füllen. Begeisterte Menschen, leidenschaftliche Menschen: Fans eben. Und damit Menschen, von denen Kirche etwas lernen kann – davon jedenfalls ist Bernhard Felmberg überzeugt.

Der promovierte Theologe hat sein Büro im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, wo er Ministerialdirektor ist, heute früher als sonst verlassen und ist an seine zweite Wirkungsstätte ins Olympiastadion gekommen, um den Teilnehmenden des DYNAMISSIO-Kongresses Einblick in das Miteinander von Kirche und Sport zu geben. Seit 1999 ist er ehrenamtlicher Sportbeauftragter der Berliner Landeskirche – und schon früh hatte er einen Traum: eine Kapelle im Olympiastadion einzurichten. Pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war es soweit: Unmittelbar am Spielertunnel, wo die Sportler ins Stadion einlaufen, wurde ein beeindruckender Andachtsraum eröffnet. In einem mit Blattgold tapezierten Oval bietet er mit Bibelversen in 18 verschiedenen Sprachen Sportlern, Fans und Besuchern aus aller Welt ein Stück Heimat. „Seitdem wir die Kapelle haben, gehe ich auch wieder in die Kirche“, erzählt einer der Ordner auf dem Weg durch das Stadion.

DYNAMISSIO – davon gibt es im Sport auch eine Menge, erklärt Bernhard Felmberg den Besuchern, die mit großen Augen die goldenen Wände mit den Bibelversen bestaunen. „Dynamik setzt voraus, dass du rausgehst, in Kontakt trittst, dass etwas passiert. Und Mission bedeutet, dass du zu den Menschen geschickt bist – und beides ist auch hier nicht ganz falsch.“ Er spricht frei, geht hinter dem Altartisch auf und ab, gestikuliert. Und kommt sofort aufs Thema: Was Kirche von Fan-Gemeinde lernen kann. Im Sport gibt es Menschen, sagt er, die ihr ganzes Leben auf den Fußball ausrichten. „Das sind die richtig harten Fans, die Ultras. Deren Wochenrhythmus richtet sich nach den Spielen, die meinen das ernst. Und die Vereine wissen: Sie brauchen solche Fans. Das sind nämlich die, die das Stadion mitreißen können. Jeder Verein braucht solche Leidenschaft.“ Deswegen sei den Vereinen auch sehr daran gelegen, diese Fans zu pflegen: „Zu jedem Geburtstag kommt verlässlich der Brief, zum fünfjährigen Vereinsjubiläum gibt es eine Urkunde, zum zehnjährigen eine noch schönere Urkunde. Und das heißt, die Fans merken, dass sie wahrgenommen werden. Und das alles für einen Jahresbeitrag von 60 Euro.“ Kirche könnte davon lernen zu fragen: Wen brauche ich in meiner Gemeinde? Wer reißt die anderen mit? Und wie kann ich dafür sorgen, dass sie sich wahr- und ernstgenommen fühlen?

Die nächste Parallele zieht Felmberg beim Thema Erkennbarkeit: „Wenn du eine Kutte trägst – so nennt man die Fantrikots – dann wissen die anderen: Okay, du gehörst zu uns. Aber fahren Sie mal mit einem Hertha-Trikot nach… naja, da reicht schon Ostberlin. Oder in eine andere Bundesliga-Stadt: Auf einmal ist die Versuchung wirklich groß, ein ‚verdeckter Fan‘ sein zu wollen.“ Und das sei doch eine der größten Herausforderungen für das Christentum in Deutschland im 21. Jahrhundert: die klare Erkennbarkeit der eigenen Überzeugung anderen gegenüber.

Man könnte sich auch bisschen mehr Fröhlichkeit vom Sport abgucken, meint Felmberg. Und die Konzentration auf das Kerngeschäft: „Wenn es im Fußball gut läuft, dann kann so ein Bundesligaverein daneben noch eine Menge guter Sachen machen.“ Seit Anfang dieses Jahres engagiert sich Hertha BSC zum Beispiel in einem großen Hilfsprojekt in Afrika. „Aber wenn der Fußball schlecht läuft und man absteigt, kann man so was nicht mehr machen, weil dann die Finanzen fehlen“, erklärt Felmberg.

Wenn es im Stadion nächsten Freitag wieder ganz um das „Kerngeschäft“ gehen wird, wird auch Bernhard Felmberg wieder hier sein. Pünktlich um 14.30 Uhr ist Andacht in der Kapelle. „Aber in diesen VIP-Bereich kommen doch die normalen Fans gar nicht?“ fragt ein Besucher. „Normalerweise nicht“, bestätigt Felmberg. „Aber wir haben zehn Volunteers, die sich bei Heimspielen nur darum kümmern, die Fangemeinde pünktlich zur Andacht herzubringen. Und nach der Andacht bringen sie sie wieder hinauf. So können alle herkommen: die aus der Ostkurve, die aus der Gegengerade und die aus dem Besucherblock – hier sind sie alle im Gebet zusammen. Wir sind der Kontrapunkt, der Menschen zur Ruhe und vor Gott bringt. Und wo sie merken: Gott begegnet mir in meinem Lebenszusammenhang.“

Text: Silke Römhild, DYNAMISSIO-Presseteam
Bilder: Simon Hesselmann

Weitere Fotos finden Sie unter dynamissio.de/fotostream.

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